Schnipsel 231: Marc Aurels Farbe der Seele

(c) Stefan Scheffler

Kann man ihn sich wirklich vorstellen, diesen Menschen, der so gefestigt in seinem Überzeugungsgeviert stabilisiert ist, dass ihn nichts aus der Ruhe bringt? Wenige Erkenntnisse reichen Marc Aurel, tief überzeugt zu sein, wie unsinnig es ist, sich Sorgen zu machen, zu zweifeln, sich an Träume von Anerkennung und Überleben zu klammern, den Tod zu fürchten oder etwas auf die Meinung anderer zu geben. Aus Heraklits panta rhei, der Erkenntnis des ewigen Wandels, des steten Fließens leitet sich die Lehre leichtherziger Unerschütterlichkeit ab. Wenige Erkenntnisse rotieren in immer neuen Variationen durch seine Selbstbetrachtungen, im Zentrum steht der gelassene Philosoph, dem Vernunft und Gegenwart genügen. Irgendwann zweifelte ich beim Lesen einmal, ob jemand, der so viele Loopings um seine Gelassenheit schlägt, am Ende vielleicht tief in sich doch mit dem Gegenteil seiner vernünftigen Weltsicht ringt. Die Quellen bestätigen aber das Bild des bis in den Tod überlegenen und ruhigen Erdulders des Schicksals, der ohne Zaudern oder Jammern die Unabänderlichkeit der eigenen Endlichkeit hinnimmt, gestaltend aber eingreift dort, wo es möglich ist.

Das Wesen der meisten ist unsteter. Ich selbst klammere mich zur Not auch an die theoretische Möglichkeit, dass man anders als im Fluss-Bilds Heraklits noch einmal als der gleiche Mensch aus dem gleichen Fluss steigen kann. Möglicherweise ist die Zahl, die diese (Un-)Wahrscheinlichkeit ausdrückt, sehr groß - aber im Gedankenexperiment ist die Unsterblichkeit in der Spielart der Wiederkehr nicht ausgeschlossen. Gelassen, unbeschwert, grundoptimistisch, zufrieden, positiv, lebenszugewandt wird man möglicherweise, wenn man begreift, dass der Weg von Marc Aurel ein erstrebenswerter ist, der das Potenzial tiefer Ausschöpfung des eigenen Seins in sich trägt und die Weisheit, dass sich im Erleben des Moments Erfüllung findet, die zittrige Ansprüche an eine in Jahren angehäufte Lebensdauer, die im Nachruhm sogar noch über den Tod hinaus Fortbestand hat, stoisch auflöst. Die bewusste Auskostung der Gegenwart im gemeinsamen, geselligen Erleben ist der Joker, das Ticket zur Glückseligkeit. Mal schauen, wieviele Optimisten und Mutmacher, fröhliche Mitmenschen, lebensbejahende Felsen in der Brandung und gemeinnützige Sinnstifter man in der Literatur aufspüren kann ... Marc Aurel also zum Auftakt: 

Schon auf der ersten Seite ein Schmunzeln: "Meinem Urgroßvater habe ich es zu verdanken, dass ich in keine öffentliche Schule gehen musste ..." (Von Marc Aurels vielen Würdigungen des Beginns, hätte ich mir sicherlich eine bessere aussuchen können, allerdings gibt es auch einen wichtigen Urgroßvater auf meinem Bühnenrund, und so ist der erste Pinselstrich, aber auch die erste Klangfarbe gesetzt.) Als ich das wilde, oft unterbrochene Lesen der Meditationen beendete, kam ich noch einmal auf eine Seite des Anfangs zurück und fand einen Gedanken formuliert, der anders als viele sonst keine Wiederholungen oder Variationen findet, sondern nur einmal an dieser Stelle für sich steht:

 

Nach der Beschaffenheit der Gegenstände, welche du dir am öftesten vorstellst, wird sich auch deine Gesinnung richten; denn von den Vorstellungen nimmt die Seele ihre Farben an.

 

Das bedeutet also, dass selbst, wenn man den Grad der stoischen Gelassenheit all der Folgeseiten nicht erreichen kann, so doch zumindest versuchen könnte, der Seele über den eigenen Blick auf die Welt eine Färbung zu geben, also wenigstens einen Hauch der Buntheit der Welt in ihr anzulegen, oder vielleicht auch nur einen harmonischen Tonwert, der am stimmigsten das eigene Wesen ausdrückt.

Immer wieder leitet Aurel aus seinen Schlussfolgerungen die Freiheit oder zumindest einen Grad der Freiheit des Menschen ab. Am schönsten vielleicht in den Worten:

 

Nun, ist es da nicht besser, das, was in deiner Macht steht, mit Freiheit zu gebrauchen, als zu dem, was nicht in deiner Macht steht, mit sklavischer Erniedrigung dich hinreißen zu lassen?

 

Das Muster der Selbstversklavung des Menschen wird immer und immer wieder in seinen Texten aufgedeckt, die größte Hemmnis des Menschen steckt in ihnen selbst, in den Bedenken, die sie tendieren, über alle Wahrnehmung zu legen. "Zwang steckt in dir" schrie einmal ein Graffiti in Berlin in mein Kamera-Objektiv. Bei Aurel klingt das dann so:

 

Zu dem, was die sinnlichen Wahrnehmungen dir unmittelbar - in erster Linie - verkündigen, dichte dir nicht noch etwas in Gedanken hinzu. [...] So, nun bleibe immer bei den ersten Eindrücken stehen und setze nichts aus deinem Innern noch selbst hinzu, und dir wird nichts geschehen.

 

Bemerkenswert ist, dass sich Marc Aurel nie im engsten Kreis nur um sich selbst dreht, sondern konsequent den Menschen als geselliges Wesen sieht. Immer wieder erinnert er daran, dass ein Leben ohne Gemeinschaft, Arbeitsteilung, Miteinander und eben auch soziale Verantwortung nicht möglich ist, da der Mensch ein Gemeinschaftswesen ist. Selbst den Gedanken, dass man sich von seinen eigenen Denkmustern nicht in die Irre leiten lassen solle, verknüpft er mit diesem Aspekt:

 

Lass dich nicht so ganz von deinen Einbildungen hinreißen, sondern komme anderen nach Vermögen und Verdienst zur Hilfe.

 

Und an anderer Stelle: 

 

Mein Wille aber ist der Natur eines vernünftigen und geselligen Wesens gemäß. [...] Der Geist des Weltganzen ist gesellig.

 

Viel wäre noch zu schreiben. Vom Bild der Seele in perfekter Kugelform, vom Verständnis unserer kleinen Welt-Kugel in der riesigen Weite des Alls in Worten wie sie ähnlich Jahrhunderte später Carl Sagan in seiner Beschreibung des Fotos der Erde Pale Blue Dot finden wird. Vielleicht auch von meinem missmutigen Widersprechen, im Quieken des Ferkels, das auf die Schlachtbank geführt wird, nicht auch im Wesen den lauten Aufschrei zu sehen, in dem zurecht die Empörung und das Potenzial zur Revolte angelegt ist. Der Aufschrei, der irgendwann Gehör finden wird und somit insgesamt zurecht die Anklage an das Leben als wesentlichen Bestandteil der Existenz in sich trägt. Das lasse ich aber lieber weg. Zu Schreiben wäre über Marc Aurels Verständnis des Wesens der Entropie. Es wäre zu schreiben über ein Eichendorff-Gedicht, das von der Seele berichtet, die weit ihre Schwingen ausbreitet ... Viel wäre noch zu Schreiben von der Seele und dem Miteinander ... hier geht es darum, der Seele Farbe einzuhauchen.

 

Mr Keating fragt in Dead Poets Society: "What will your verse be ...?" Ist das eine Analogie zur Frage: "What will your colour be?"

(c) Stefan Scheffler

Schnipsel 232: Erzähler der Nacht - Rafik Schami

(c) Stefan Scheffler

Einmal setzte sich Rafik Schami in der Nacht in mein Auto und ich sprach mit ihm von der Rückbank aus über das Erzählen und über Henning Mankell. Am Steuer saß Herr Schneider ...

Ich werde diesen Text so schreiben, als ob er nie in den Nebenpfaden stehen wird. Nur so kann ich einen Anfang finden. Einen Anfang finden, der schwer ist, da er an so vielen Denkfäden hängt. Schwer, wie am Strand die Spur des freudigen Laufs hin zum Meer zu finden am Ende eines langen Sommertages. Die Spur zum Meer steht an dieser Stelle nur deswegen, weil Rafik Schami auf der Bühne erzählte, wie stark es ihn als Jungen gegen das Verbot der Mutter angelockt hatte. Der Verlockung nachzugeben, hatte ihn mehrere Nachtische und eine Drohung der Mutter gekostet. Die Klärung der Untat habe zuhause gewartet, in Damaskus. Ein weiterer bunter Faden, sorglos aufgewickelt in einem bunten Gedanken-Knäuel, das über die letzten Jahre unordentlich schön gewachsen ist, und ein kleines Wollende, vielleicht eine kleine Schlinge steht ködernd ab, damit ich danach greife, hoffend, dass sich das Gewirr entspinnen lässt ...

Mitte der 1990er Jahre war Rafik Schamis Buch über das Verstummen des Kutschers Salim das von mir am häufigsten verschenkte Buch überhaupt. Jede begeisterte Rückmeldung bestätigte mir, das man mit "Erzähler der Nacht" einen Zauber über viele Stunden verschenkt. Es ist der Zauber des Geschichten-Erzählens. Mir war nicht bewusst, wie sehr Rafik Schami diese Macht als Erzähler vor einem Publikum beherrscht, wie schnell und umfänglich man in den Sog seiner mündlich vorgetragenen Geschichten gerät und wie sicher er sich seiner mächtigen Einflussnahme auf seine Zuhörerinnen und Zuhörer bewusst ist als geübter Meister seiner Kunst. 

Ich müsste erklären, warum sich nach der Lesung Rafik Schami in mein Auto setzte, aber komme mir so unbeholfen vor wie Faris, einer der Freunde Salims, die mit ihren sieben Geschichten in "Erzähler der Nacht" versuchen, ihren Freund aus dem Fluch einer Fee zu befreien, die ihn, den Kutscher und größten Erzähler des Viertels, hat verstummen lassen. Faris verzettelt sich ein ums andere Mal und macht es seinen Zuhörern sehr schwer, ihm noch folgen zu können. Alle auf der Erde bekannten Erzählkünste, so Schami zu seinem Buch, habe er versucht, zu versammeln. (Mit Faris und mir scheinen auch die weniger begabten Erzähler berücksichtigt.) "Nicht einmal die Art, wie das Feuer dem Holz erzählt, ist mir entkommen", schreibt er. Ich glaube, ich kann mich an die Stelle erinnern, wenn Salim allein vor dem Ofen sitzt und die Flamme beobachtet, die langsam Gewalt über das Holz gewinnt. Wenn man hierzu einmal den Autor befragen könnte ...

In der Konzentrationsphase vor dem Auftritt seiner Lesung übte Rafik Schami seine Einleitung. Er werde zu Beginn nur kurz über ein ernstes Thema sprechen, um dann rasch zum vergnüglichen Teil überzugehen. Aber ein paar Worte gegen die Gleichgültigkeit die müssten raus. Ein kurzes Auflodern gegen die Verrohung und gleichzeitige Unempfänglichkeit, ein kurzer Appell, Aufruf, eine Mahnung, dann erst … die Verzauberung. Es war diese Vergewisserung vor sich selbst, die kurz vor dem Auftritt in die Worte mündete: "Ja, so werde ich das machen", die meine volle Aufmerksamkeit erlangte. Wir waren nur ca. vier oder fünf Menschen im Zuschauerraum, später vor großem Publikum folgte die Umsetzung des Plans, erst zu mahnen, dann zu erzählen. Mir schien aber Rafik Schami für eine Sekunde während der Vorbereitungsphase zu zweifeln, oder die Rechtfertigung zu überprüfen, ob die Mahnung so angemessen sei, bevor er sie dem Publikum zumuten wollte. Diese kurze Szene bildete den Kern dessen, was ich an diesem Abend erlebte, und noch erleben sollte. Rafik Schami ist mit seiner Kunst im Wesen am Glücklichsein der Menschen beteiligt. Von dieser geballten positiven Kraft der Unterhaltung lässt sich die mahnende, politische Seite nicht trennen. Es ist ein Teil der Verantwortung des Schriftstellers, Erzählers. 

In seinem Essay "Gegen die Gleichgültigkeit" wird mir die politische Seite des Autors heute bewusster als vor vielen Jahren meiner jüngeren Begeisterung. Damals war ich für diese politische Lesart des Romans "Erzähler der Nacht" blind. Es sei, so Rafik Schami ganz deutlich, ein Roman, "der allegorisch von der Verstummung eines erzählfreudigen Volkes unter einem repressivem Regime berichtet". Ich habe mittlerweile den Roman erneut gelesen, und wunderte mich darüber, wie sehr ich die tatsächlichen Hinweise dieses Romans damals vor vielen Jahren schlichtweg überlesen habe. Das Motiv des Sprachverlustes gipfelt möglicherweise in den Worten der Geschichte Tumas des Emigranten, wenn dieser sagt: "Ich wusste nicht, wie wertvoll das Wort ist, bis ich in der Fremde stumm wurde. Worte sind unsichtbare Juwelen, die nur die sehen, denen sie entzogen wurden." 1967 hatte Rafik Schami Damaskus, das Viertel Salims verlassen - wie wichtig, dass er seine Stimme behielt.

Rafik Schami macht es einem leicht, ins Gespräch zu kommen. Die Frage nach dem Erzählen der Flamme habe ich im Auto nicht gestellt. Ich erzählte, welche Bedeutung die Geschichten meiner Großmutter für mich hatten, die so oft von den letzten Kriegsjahren in Berlin handelten, von ihren Wegen mit drei Kindern durch die Hungerjahre. Zwei Kinder, eins an jeder Hand, sollten es sein. Dem Baby, das gegen Ende des Krieges auf die Welt kam, wurde auf der Flucht aus dem Spreewald der Kinderwagen nicht in den Zug gereicht, er wurde gestohlen von einem nur scheinbar helfen wollenden Mann,  der mit dem Wagen wegrannte - wer mag die Geschichte seiner Not kennen? Die Erinnerung teilte auch mein Vater, er musste im Zug damals 8 Jahre alt gewesen sein. Eine andere Geschichte handelte vom Aufbegehren meiner Großmutter gegen einen Blockwart, der von ihr Rechenschaft forderte, warum ihre Kinder nicht ordentlich grüßten, sondern sich der Worte "guten Morgen" und "guten Tag" bedienten, wenn der Diktator zu ehren sei. Meine Berlin-Oma konnte mich mit auf die Reise ihrer Worte nehmen so wie an diesem Abend Rafik Schami. Es war schon spät und, wie gesagt, von der Rückbank aus erzählte ich kurz von diesen Erinnerungen. Egal wie spät es ist, Rafik Schami ist von seinem Thema, von seinem Lebenselixier durchdrungen, so durchdrungen wie von seinen Geschichten selbst. Über die Schulter traf mich die Begeisterung seines Blickes. Begeisterung, wenn es über die Kraft des Wortes nachzudenken gilt. 

Irgendwie kamen wir noch auf Henning Mankell, die Auseinandersetzung seines Kommissars Wallander mit der Verrohung der Gesellschaft vor dem Hintergrund einer neuen Qualität der Gewalt im ehemals beschaulichen Rückzugsorten europäischer Idyllen. Rafik Schami zu Mankell (aus meiner Erinnerung): "Wenn ich Mankell lese, spüre ich nach wenigen Zeilen diese Kälte. Ich gerate in … " hier finde ich nicht mehr seine exakten Formulierungen, und möchte nichts Falsches schreiben. Die letzten Worte zu Mankell kenne ich aber ganz genau: "Er ist ein großer Erzähler."

 

Und Rafik Schami? Er ist ein großer Erzähler. Er sagt: "Die Schrift ist nicht der Schatten der Stimme, sondern die Spur ihrer Schritte." Auch in der Nacht oder zum Meer hin ...

Schnipsel 233: Spurensuche

(c) Stefan Scheffler

Es ist nicht die Landschaft Schonens in Südschweden, sondern es sind die sanften Hügel der Region des oberen Lahntals nördlich von Marburg. Mit etwas Phantasie könnte man sich aber genau hier einen Kollegen Kurt Wallanders vorstellen, der durch die Idylle der Landschaft rast immer im verzweifelten Kampf gegen das Gewaltverbrechen und schlimmer noch die strukturelle Veränderung einer Gesellschaft, in der diese Zunahme der Gewalt scheinbar nicht mehr zu kontrollieren ist. Henning Mankell wiederholt diesen Gedanken der Polizisten und Vertreterinnen der Justizbehörden wie ein Mantra, liefert unterschiedliche Erklärungen, mit denen sich die Leserinnen und Leser in einer eigenen Auseinandersetzung mit dem Thema wiederfinden. Die Romancharaktere, Polizistinnen und Vertreter der Justizbehörden arbeiten vor dem Hintergrund der Kürzung von Mitteln und einem zweifelhaften politischen Willen immer entlang ihrer Wut und Zweifel, ob es nicht besser sei, den Kampf aufzugeben und den auslaugenden Job an den Nagel zu hängen, um dem eigenen Leben noch einmal eine positive neue Richtung zu geben. "Jede Gesellschaft hat die Polizei, die sie verdient", heißt es einmal von einem Mitarbeiter in "Mittsommermord" und allein dieser Gedanke scheint auch nach zwanzig Jahren brandaktuell. Alles, was ich zu Henning Mankells Krimis schreiben könnte, ist eigentlich in einem sehr frühen Text 117 schon gesagt. Diese Romane haben mich aber nie losgelassen und in Zeiten, in denen ich aus meinem Alltag eine wirklich hochdosierte Ausstiegs-Droge brauche, ist es für mich die Welt, in die uns Mankell mit den Wallander-Romanen führt. Ich zweifle oft, warum es diese unglaublich blutigen und stellenweise kaum auszuhaltenden Kriminalfälle sind, die einen so hohen Suchtfaktor haben, zumindest wenn man zu der kritisch zu beäugenden Gruppe von Krimilesern gehört. Sicherlich ist es die Figur des über die Serie alternden Kommissars, der die Alltagssorgen und Entwicklungen durchmacht, mit denen man auch im eigenen Erleben seiner Routinen und Zweifel eine Projektionsfläche findet, um sich in einer Art literarischen Spiegelung seinen eigenen Entscheidungen bewusster zu werden oder mit seinen eigenen Routinen einen Frieden zu schließen. Das ist sicherlich sehr individuell. Ein weiterer individueller Aspekt ist bestimmt auch die innere Resonanz mit der erzählerisch gestalteten schonischen Landschaft. 

Wenn man dann so durch die nicht-schonische, sondern mittelhessische Idylle der Felder und Wiesen fährt, sollte man vielleicht den Realitäts-Check an sich heranlassen. Ist es so? Nimmt die Verrohung und Gewalt in unserer Gesellschaft so zu, das selbst im letzten Winkel das Verbrechen Einzug hält? (Der Vergleich hinkt, da Mankell mit Ystad bewusst einen Ort gewählt hat, dessen logistische Bedeutung für das Verbrechen durch den Fährhafen bestimmt wird ...) In den Romanen finden sich neben den ständigen Klagen über die neue Verrohung und Gesellschaftsspaltung immer wieder auch Erklärungsversuche oder Zweifel an der vereinfachenden Weltsicht. Es habe immer diese Entwicklung gegeben und jede Generation konstatiere für sich neu, dass sich alles zum Ärgeren wende, vermutet glaube ich Nyberg, der Techniker. Die besten Erklärungen liefert Henning Mankell dort, wo er die tieferliegenden Strukturen aufdeckt, wo er nicht die offensichtlichen Symptome neuer Gewaltbereitschaft insbesondere unter Jugendlichen zeigt, sondern die Antworten in darunter befindlichen Ebenen sucht, dort wo die eigentlichen Ursachen zu finden sind. Gründe für Gewalt sind Hoffnungslosigkeit, Angst vor Überflüssigkeit (damals insbesondere vor dem Problem der Arbeitslosigkeit), eine neue Rücksichtslosigkeit aufgrund der kapitalistischen Ellebogenmentalität, die alte Mentalitäten der Rücksichtnahmen, Gemeinschaftsbildungen oder eines einfachen Kampfs ums gemeinsame Überleben in rauhem Klima abgelöst haben. Neue Migrationsbewegungen sind dagegen keine Ursachen, sondern Symptome der Ablösung einer alten Weltstruktur, mit der vormals gerade die Profiteure der Kolonial-, später Industrienationen satte Gewinne erzielen konnten. Ursachen liegen in dieser Vergangenheit, zumindest angelegt. Die neue Form der Gesetzlosigkeit sehen die Gesetzeshüter insbesondere dort, wo die Luft des Zugriffs dünn wird, nämlich in den neuen Grauzonen global vernetzter Wirtschaftskriminalität.

Es ist mein dritter Lesezyklus von Henning Mankell. Die Sogkraft in die Romane und Lesebegeisterung hat sich nicht geändert. Eskapistisches Lesen nannte das Professor Glück, damit wären Mankells Romane eine Art "Flucht-Hilfe". Wie ein unangenehmer Grundton keine Ruhe gibt, ist man allerdings auch immer alarmiert, da die oben stehenden bohrenden Fragen nie verstummen zugunsten einer reinen page-turner Qualität des who-dun-it, die über die ersehnte Dingfestmachung des Täters innerhalb des Leseerlebens sämtliche anspruchsvollen Hirntätigkeiten stumpf ausblendet. Was macht man also als Leserin oder Leser heute mit der Aussage, dass die Gesellschaft kurz davor stehe, komplett auseinanderzubrechen, wie es am Ende von "Mittsommermord" heißt? In "Die fünfte Frau" konstatiert Wallander, dass das Böse nicht zugenommen habe bzw. dass es keine per se bösen Menschen gebe, nur böse Umstände, die die gesellschaftliche Realität verändere. Veränderte, nicht dem Menschen gerecht werdende Wohnbedingungen sieht er. Die Isolation gleichbedeutend mit dem Gefühl des Abgehängtseins von Jugend an sieht er. Die Vergehen einer Kaste, die sich dem Turbo-Gewinn verschrieben hat und glaubt, sich alles leisten zu können zum Preis einer emotionalen Grundverarmung der Gemeinschaft. All dies sieht er, aber auch bunt gemischte Jugendliche, die vor einer Mietskaserne Fußball spielen und natürlich hilfsbereit sind, ansprechbar für eine verantwortungsvolle Aufgabe, Blumen zu kaufen für die Beerdigung eines Siebzehnjährigen, der es nicht geschafft hat. Henning Mankell scheint die Antworten auf viele dringliche Probleme innerhalb der Krimis bzw. innerhalb des Verständnisses der Akteure schuldig zu bleiben. Sein Leben als Schriftsteller, seine Theater-Arbeit in Maputo, seine weiteren Romane, insbesondere "Der Chronist der Winde" geben hier Hinweise oder Antworten, nehmen die Leserinnen und Leser in die Verantwortung.

Wie gesagt, das meiste habe ich so oder so ähnlich bereits geschrieben. Über einen neuen Ansatz bin ich also nicht bei Henning Mankell, sondern bei dem Soziologen Aladin El-Mafaalani gestoßen. Seine Grundannahme ist atemberaubend neu (für mich gewesen). Dort, wo sich alle einig sind, dass es zu einer immer tieferen Spaltung der Gesellschaft komme und eine gewohnte Welt immer stärker "aus den Fugen gerate", sieht El-Mafaalani das genaue Gegenteil. Schaue man genauer hin, so könne man sehen, dass die Gräben zwischen den Menschen und ihren Gruppierungen in der Vergangenheit viel stärker oder unterdrückt gewesen seien. Dafür findet er in seinem Buch "Das Integrations-Paradox" viele kluge Belege. Das, was wir heute als Verschlimmerungen oder Spaltungen sähen, seien vielmehr (überhaupt nicht überraschende)  Reibungen einer Gesellschaft, die mit ihren Unterschieden und all ihren Ecken und Kanten zusammenwachse. Das ist eine kluge Idee. Selbst wenn man sich quengelig auf den Kopf stellen möchte und die alten, in rosigen Erinnerungsbildern geschönten Zeiten einer verklärenden Nostalgie zurückfordert, muss man einsehen, dass dies noch nie einer Generation gelungen ist. Die Menschheit in der Bewegung einer Melange separiert kein Erbsenzähler mehr. (Dafür findet man übrigens auch ein sehr schönes Bild in Ian McEwans "What We Can Know", doch das wäre ein Looping zu viel.)

Stellt sich die letzte Frage, wie es zum Foto der mittelhessischen Landschaft in einer Spätsommer-Idylle kommt, das die Wege Kurt Wallanders in Schonen spiegeln könnte. Das hängt übergeordnet möglicherweise mit der Gewissheit zusammen, dass Menschen Wurzeln und Flügel brauchen. Flügel, um zu neuen Zielen und Aufschwüngen aufzubrechen, loszulassen und in Richtung Sehnsucht aufzubrechen, sowie Wurzeln, die uns mit der Vergangenheit und Herkunft erden, vielleicht uns sogar mit einer Art Prägenahrung versehen. Tief sitzt eben auch die Sehnsucht, sich gelegentlich seiner Wurzeln zu versichern. Es gibt ein mittlerweile sehr ausgeblichenes Foto meines Lieblingsgroßonkels zusammen mit meinem Großvater in Unterhemd und Socken unter einem Baum einer völlig banalen Landschaft. Für sie war es aber einmal ihr größtes Anliegen und dann Abenteuer, noch einmal in betagtem Alter eine lange Reise in Richtung ihrer ostpreußischen Kindheit anzutreten, und hier die Füße von sich ins heimatliche Gras zu strecken. Reisen, um mit einem Ursprung in Kontakt zu treten …

Manchmal wollen Menschen aber auch nur in der Nähe ihrer Heldinnen oder Helden sein, übernachten vor Konzerthallen für ein Ticket ihrer Band oder einen Fetisch, der heute Merge-Product heißt. In Wiesbaden pilgern zurzeit Tausende Swifties zu einem Gemälde in ein Jugendstil-Museum, da dieses Gemälde von Taylor Swift in einem Musik-Video benutzt wurde ... Vielleicht schreibe ich das alles etwas zu meiner Entschuldigung dafür, dass ich gerne zu Orten - ob Wohnzimmer oder Grab - meiner schreibenden Heldinnen und Helden pilgere. Böll, Brecht, Büchner, Conrad, Einstein, Eliot, Heine, Heym, Hölderlin, Joyce, Rilke, W.G. Sebald, Seghers, Steinbeck, Robert Walser ... eine ganze Treppe in der Villa Suhrkamp: Frisch, Johnson ... die Liste wäre hier zu lang. Es sind literarische Spurensuchen, die mir ebenfalls eine Art Selbstvergewisserung durch Nähe geben, vielleicht ist es aber auch nur ein Spleen oder pseudo-literarisches Stalken, wer weiß? Ich war in dem Dorf, aus dem Henning Mankells Urahn nach Schweden ausgewandert ist, um zu schauen, ob man noch auf den Namen stößt. Es waren fast ein Dutzend ... und irgendwie war ich an diesem Spätsommer-Tag mit nur einer kleinen Anfahrt auch in Schonen, wo ich immer schon einmal hinwollte ... und jemand hat Äpfel gepflückt.

Fotos (c) Stefan Scheffler: In der Nähe der Kirche Niederasphes befindet sich bis heute der Hof, aus dem ein Ahn Henning Mankells entstammt. Mit etwas Recherche findet man eine Spiegel-Recherche dazu ...

Schnipsel 234: Angelus Novus - Walter Benjamins Engel von Paul Klee

"Wie geht es Euch? Wie geht es Dir [...] in dieser schrecklichen Zeit?", schreibt 1848 Heinrich Heine aus seinem Pariser Exil an seine Mutter in Deutschland. Den Brief Heines hatte der Vater von Anna Seghers ihr geschenkt möglicherweise in der weisen Voraussicht, dass sie so eine transportable Geldquelle über Grenzen hinweg habe, wenn sie einmal in die Flucht gerate, die Zeichen der Zeit waren eindeutig. Auf ihrer Flucht über Paris, Marseille, Martinique und Mexico büßte sie zwar ihre Bibliothek ein, von ihrem Brief aber hat sie sich nie getrennt. Er blieb in ihrem Blickfeld, selbst später in ihrer Ost-Berliner Wohnung, als alle Gefahren gebannt waren, und sich auch ihre Bibliothek - gerettet von einem französischen Freund - wieder in ihrem Besitz befand.

Walter Benjamin starb auf der Flucht. In Port Bou schien die letzte Hürde in Richtung Sicherheit endlich genommen, sein Hotelzimmer hat er aber nicht mehr lebend verlassen. Die Selbstmord-Variante ist tradiert, David Mauas zeigt allerdings in seiner Film-Recherche aus dem Jahr 2005, dass die Todesumstände als ungeklärt einzustufen sind; an der unfassbaren Größe der Tragik dieses Todes ändert es fast nichts, außer dass die Gestapo in einer theoretisch denkbaren Rekonstruktion direkt ihre blutige Hand angelegt haben könnte.

Auch Walter Benjamin hatte in seinem Exil ein Blatt Papier bei sich, von dem er sich nicht trennen wollte, trotzdem musste es in Paris zurückbleiben. Heute hängt dieses Blatt Papier im Israel-Museum in Jerusalem. Es zeigt eine Aquarell-Zeichnung von Paul Klee, in die sich Benjamin 1921 in Berlin so verliebt hat, dass er sie mit einer seiner ersten Tantiemen kaufte. Angelus Novus, der Neue Engel. Was, wenn ein Engel seine Flügel nicht benutzen kann, um zu fliegen, um alles zu überwinden oder hinter sich zu lassen kraft der Gabe seiner Flügel, da in diese ein mächtiger Sturm greift und ihn zurückdrängt? Sein Blick richtet sich aus der Zukunft zurück auf die Welt, die er in Trümmer gelegt sieht. Ein Sturm aus dem Paradies, auf dessen ewige Schneise der Verwüstung dieser Engel blicken muss. Aus der Kontemplation über seinem Angelus Novus entwickelt Walter Benjamin dieses Geschichtsverständnis, das er im neunten Eintrag seines Aufsatzes "Über den Begriff der Geschichte" beschreibt. In David Mauas Film "Quién mató a Walter Benjamin" erklären verschiedene Wissenschaftler die Thesen Benjamins zur Geschichte, sie alle zeichnen mit ihren Händen die Geste der Rückwärts-Bewegung des im Feuersturm befindlichen Engels nach. In dieser scheinbaren Hilflosigkeit gibt es ein entscheidendes Moment der Umkehr, des Eingreifens, die das eigentlich Kernstück von Benjamins Geschichtsauffassung bildet. Die Voraussetzung zum Verständnis ist, dass sich Benjamin mit seinem Bild in erster Linie gegen eine Fortschrittsgläubigkeit wendet. Im Fortschreiten ändern sich nicht die jeweiligen Trümmerberge einer jeden Gegenwart, auch die Leidtragenden, Opfer sind ewige Teilnehmende nie endender menschengemachter Katastrophen, außer man findet den Moment des Einhalts. Diesen Moment stellt Benjamin in Aussicht. In Mauas Film erklärt Stéphane Mosès diesen schwierigen Gedanken des "messianischen Moments". Die Umkehr, die Hoffnung ist in jeder Gegenwart als Pforte angelegt, dieser Moment ist bei Benjamin also insbesondere sprachlich religiös besetzt und zugleich in seinem Revolutions-Potenzial im Zugriff des Menschen, also auch in seiner Verantwortung. Im achten Abschnitt seines Aufsatzes heißt es konkret: "Dann wird uns als unsere Aufgabe die Herbeiführung des wirklichen Ausnahmezustands vor Augen stehen; und dadurch wird unsere Position im Kampf gegen den Faschismus sich verbessern." Eine Vision aus dem Todesjahr Benjamins 1940. Vor einigen Jahren war das Bild des Angelus Novus im Bode-Museum als Leihgabe in Berlin. In einer kurzen Dokumentation kann man sehen, in welchem Kreis von Engeln sich Klees Aquarell bewegt. Bewegend die drei-sekündige Sequenz aus Wim Wenders Film "Der Himmel über Berlin" oder die Aufnahme "Blick vom Rathausturm nach Süden" von Richard Peter. Erneut blickt ein "Engel" über eine Trümmerlandschaft, hier ist es Dresden 1945.

Papiere können Kraftquell sein, Inspiration, Zeugnisse der Mahnung oder des Aufrufs. Paul Klees Angelus Novus schaut uns von der Homepage des Jerusalemer Museums an. In seinen Flügeln ist immer noch der Feuersturm des Paradieses. Sein Blick ist traurig. Benjamin nimmt den Menschen in die Verantwortung, damit die Hoffnung irgendwann einmal erfüllt werden kann, dass der Flug in die Zukunft der Menschen nicht mehr bedeuten muss, auf das Elend der ewig Leidtragenden in ihren ewig gleichen Trümmerlandschaften zurückblicken zu müssen.

Ich danke den Autorinnen und Autoren Rüdiger Bertram ("Der Pfad"), Uwe Wittstock ("Marseille 1940") und Eva Weissweiler ("Die Villa Verde"), die mir mit ihren Büchern, insbesondere aber mit ihren Lesungen die Augen öffneten, den Blick schärften und mir Menschen vorstellten, die ich nie mehr vergessen werde und die jeder Mensch kennen sollte, unter anderen zum Beispiel Varian Fry, Stéphane Hessel oder Lisa Fittko. Mich in diese Zeit gelockt hatten vor vielen vielen Jahren die Romane "Das Totenschiff" von B. Traven, "Die Nacht von Lissabon" von Erich Maria Remarque und "Transit" von Anna Seghers, womit ein kleiner Kreis geschlossen wird.

 

Einen Trailer zum Film von David Mauas findet man hier:

https://whokilledwalterbenjamin.com/esp

(Diese Recherche findet bis heute Erwähnung, ihre Ergebnisse wurden auf einer Lesung als widerlegt eingestuft. Die Kraft der filmischen Aufarbeitung des Filmemachers David Mauas bleibt davon unberührt.)

 

Den Link zur Dokumentation zur Ausstellung des Klee-Engels in Berlin hier: 

https://www.ardmediathek.de/video/rbbkultur/der-engel-der-geschichte-im-bode-museum/rbb/Y3JpZDovL3JiYl9kYmFkMWFmOS02OGMyLTRjZmQtOTE3YS00Zjg1NGU2ZDdhMjFfcHVibGljYXRpb24

Schnipsel 235: Robert Walsers Pfad

(c) Stefan Scheffler: Auf dem Weg durchs Appenzell Richtung Herisau

Sein Tod hat eine eigene Ikonographie entwickelt. Zwei Fotos haben hierbei ein Bild verselbstständigt, das aus zwei Perspektiven dieselbe, fast magische Wirkung ausstrahlt, da es die Tragödie eines einsamen Todes mit der Stille und fast Leichtigkeit einer leichten Schneedecke verbindet. Es ist das Bild des alten Schriftstellers, der auf seinem letzten Spaziergang an einem Hang eine letzte Geste in die Welt zu senden scheint. Regelmäßige Trittspuren als schwarze Kontrastpunkte im Schnee lenken den Blick auf den toten Körper, der der Länge nach ausgestreckt seine letzte Position im Leben gefunden hat. Ein Foto, das den toten Dichter von der unteren Hangseite abbildet, rückt noch stärker ein Detail in den Fokus, den vom Körper ausgestreckten Arm, in der Hand den Hut. Diese Geste ist auch die Geste des Spaziergängers Walsers gewesen, des Schreitenden mit seinem Hut in der Hand.

Die nur flüchtige, erste Betrachtung dieser Fotos weckte bei mir sofort die Erinnerung an das Ende der letzten Kurzgeschichte von James Joyce in "Dubliners": The Dead. Es ist der Schneefall, der sich in einem Endtableau über die Weiten aller Landschaften legt ... "upon all, the living and the dead". Der Tod im Schnee besitzt eine eigentümliche poetische Wehmut. Die Unentrinnbarkeit dieser leisen Naturgewalt strahlt eine Art Friedfertigkeit aus, nimmt dem Tod den scharfen Klang des Aufschlagens und stimmt einen Ton tiefer innerer Versöhnung an, zumindest in der Geschichte von James Joyce.

Auch wenn es eine sehr frühe Erinnerung, genauer einen sehr frühen Hinweis auf Robert Walsers Roman "Der Gehülfe" in einem Seminar zu Franz Kafkas Roman "Das Schloss" gab, bin ich dieser Spur nie nachgegangen. Mir schien auch, dass die aufblitzende Erinnerung von Professor Alfons Glück mit den eher für sich geäußerten Worten "Es gibt einen Roman von Robert Walser, Robert! 'Der Gehülfe' - ü nicht i ..." irgendwie komplett im Sande verlief und auch auf Nachfrage nicht mit der entsprechenden Stelle im Schloss-Roman konkret verbunden wurde. Selbst die Geste Professor Glücks blieb unvollendet und vage, eine nur leicht im Handgelenk pendelnde Bewegung ausgestreckter Finger mit geneigtem Kopf und konzentriertem Schließen des linken oder rechten Auges in Handnähe. "Robert Walser, 'Der Gehülfe', mit ü ..." (Die Szene bei Kafka war zu unbändig, wenn im Abwehrentsetzen K. den Gehilfen ins Gesicht schlägt, nachdem er ihn neben sich des Nachts im Schlaflager anstelle Friedas entdeckt hat. Wie gesagt, der Impuls des Verweises auf Walser ging ins Leere.)

Es waren schließlich W.G. Sebalds einleitende Worte zu Robert Walser in seinem Aufsatz "Le promeneur solitaire" in "Logis in einem Landhaus", die ein Lesen zumindest eines Werks von Walser unumgänglich machten: 

 

Nirgends hat er sich einrichten können, nie auch nur den geringsten Besitz sich erworben. [...] An Büchern besaß er, glaube ich, nicht einmal die, die er selber geschrieben hatte. 

 

Es ist diese Biografie eines Künstlers, der mit großen Hoffnungen ins Leben getreten war, den sein Weg aus der Schweizer Idylle nach Berlin führte und dessen Werke am Ende aufmerksam und einflussnehmend von Franz Kafka, Walter Benjamin oder Hermann Hesse gelesen wurden. Es ist - in aller Verknappung - dann der Weg der am Ende freiwilligen Unterbringung in einer psychiatrischen Anstalt in Herisau, die Robert Walser nie mehr verlassen sollte. Leider habe ich die Stelle vergessen, an der ich gelesen habe, dass die Flucht in die Inobhutnahme gleichzeitig das Überleben in der Nazi-Herrschaft bedeutete, deren Gefahren Walser klar erkannte und formulierte. "Meine Welt wurde von den Nazis zertrümmert. Die Zeitungen, für die ich schrieb, sind eingegangen; die Redaktoren wurden verjagt," äußert Walser 1944 zu seinem Freund Carl Seelig. Möglicherweise fand sich im Museum in Herisau explizit noch ein anderes Zitat, das im Bleiben in der Anstalt eine Überlebensstrategie vermutete. Unweit des Museums führt der Robert-Walser-Weg über die Heilanstalt Herisau zur Todesstelle Walsers. Es war der Tag einer weiteren Spurensuche ... schwer, zu sagen, was einen letztlich auf eine solche führt.

Es ist möglicherweise diese Biografie oder die geheimnisvolle Persönlichkeit Robert Walsers, die einem kaum eine andere Wahl lässt, als sich dem Rätsel dieses Menschen einmal annähern zu wollen. W.G. Sebalds Aufsatz, der einen entscheidenden Anstoß gegeben hatte, verlässt schon nach wenigen Seiten die Ebene einer literarischen Analyse, Einordnung oder gar Interpretation. Es ist zunächst der Literaturwissenschaftler, der den Aufsatz anfängt, der dann aber mit der Betrachtung der Foto-Porträts Walsers jeden neutralen Boden hinter sich lässt und Walsers Leben mit dem Leben und dem Kern des Erlebens des Dichters W.G. Sebalds in einer unübersichtlichen Tiefenstruktur verbindet. In Robert Walser erkennt Sebald seinen Großvater Josef Egelhofer wieder. Er schreibt:

 

[D]ann glaube ich jedesmal den Großvater vor mir zu haben. Doch nicht bloß äußerlich, auch in ihrem Habitus waren der Großvater und Walser sich ähnlich, etwa in der Art, wie sie den Hut neben sich trugen ...

 

Spätestens hier löst der Schriftsteller und Suchende W.G. Sebald den Literaturwissenschaftler Professor Sebald ab. Uwe Schütte, Sebalds Doktorand, Freund und vielleicht auch Gralshüter deckt die Tragweite auf, die Sebald Zufällen und Verknüpfungen, Vernetzungen beimaß. In seinem Essay-Band "Annäherungen" verlässt auch Uwe Schütte die so ausgetretenen Interpretations-Traditionen, die sich mittlerweile um Sebald automatisiert haben und sich in immer gleicher Wortwahl wiederholen. Schütte schreibt im Kapitel Großvater:

 

Was Sebald auszeichnet, ist gerade, daß er keine einfachen (und ebenso keine komplizierten) Antworten lieferte, sondern stattdessen auf der Virulenz solcher Fragen für unsere von Vernunft, Wissenschaft und Technik beherrschte Existenz insistierte. Und natürlich spricht es für ihn, daß er zuerst selbstkritisch die Möglichkeit eigenverschuldeter Sinneskonstruktionen zur Disposition stellt, obwohl er natürlich an einen tieferen Hintersinn, eine höher Ordnung und verborgene Muster glaubte.

 

Dies zu der Frage von Sebald selbst:

 

Was bedeuten solche Ähnlichkeiten, Überschneidungen und Korrespondenzen? Handelt es sich nur um Vexierbilder der Erinnerung, um Selbst- oder Sinnestäuschungen oder um die in das Chaos der menschlichen Beziehungen einprogrammierten, über Lebendige und Tote gleichermaßen sich erstreckenden Schemata einer uns unbegreiflichen Ordnung?

 

Und diese rätselhafte und bedeutungsvolle Beziehung zwischen Sebalds Großvater Josef Egelhofer und Robert Walser klingt dann im O-Ton Sebalds folgendermaßen: 

 

Lange bildete ich mir sogar ein, der Großvater habe wie Walser die Gewohnheit gehabt, den obersten Knopf an der Weste nicht zuzuknöpfen. Mag das nun so gewesen sein oder nicht, unzweifelhaft ist, daß beide gestorben sind im selben Jahr, 1956, Walser bekanntlich auf einem Spaziergang am 25. Dezember und der Großvater am 14. April, in der Nacht auf Walsers letzten Geburtstag, in der es noch einmal geschneit hat mitten in den schon angebrochenen Frühling hinein.

 

Nachdem Sebald mit einer weiteren schier unglaublichen Zufalls-Korrespondenz ringt, schließt er: 

 

Ich habe immer versucht, in meiner eigenen Arbeit denjenigen meine Achtung zu erweisen, von denen ich mich angezogen fühlte, gewissermaßen den Hut zu lüften vor ihnen, indem ich ein schönes Bild oder ein paar besondere Worte von ihnen entlehnte, doch es ist eine Sache, wenn man einem dahingegangenen Kollegen zum Andenken ein Zeichen setzt, und eine andere, wenn man das Gefühl nicht loswird, daß einem zugewinkt wird von der andren Seite.

 

Obige Daten im April werfen auch in meiner Anfälligkeit für innere Zugehörigkeiten und Verknüpfungen ihre Köder aus. Spätestens nachdem ich Walsers "Der Gehülfe" gelesen hatte, mag es eine der Lockungen gewesen sein, an seine Todesstelle zu gehen. Ich wanderte den Pfad. Den Sterbe-Ort mit einer Digital-Kamera zu fotografieren schien mir intuitiv falsch, da man damit sicherlich ausschließen kann, so etwas wie den Geist, eine Spur, oder Ausstrahlung eines Ortes wirklich einzufangen. Auch eine alte Foto-Kamera ist Technik, sie schien mir aber geeigneter und so schleppte ich eine alte 60er Jahre Leica an den Ort und löste aus. Der Geist auf einem der Fotos erschien profan viel später und ist alles andere als mystisch, aber er ist da und man könnte eine Geschichte daraus entwickeln. Vor Ort war der Moment greifbar, wie auch immer man das deuten möchte. Auf dem Weg gab es viele Hinweise, dass es einen Irrsinn in der Realität unserer Welt gibt, gegen den jeder diagnostizierte hinter Mauern verblasst. Glücklicherweise bringt einen der Walser Weg immer wieder zurück in die Auseinandersetzung mit der spürbaren Präsens des Dichters und seiner Ideen. Immer wieder stehen Schilder mit Zitaten Walsers am Wegesrand und lassen einen innehalten. Da stehen dann Sätze wie: 

 

Unsere Zeit ist grausam mit ihrem Nützlichkeitsdenken. 

 

Das Bisherige versperrt dem Kommenden den Weg. 

 

Die Gegenwart ist die Zukunft.

 

Irgendwann stellt sich die Frage: Ist dieser Robert Walser nun eine Inspiration für Optimismus, bringt er einen weiter auf der Suche zu einem bejahenden Leben ...? Vielleicht findet sich eine Antwort am Ende seines Romans "Der Gehülfe". Joseph Marti, der über viele Seiten im Leben und im Haus des Erfinders Tobler zumindest sinnbildlich gefangen bleibt, verbindet sich mit seinem Vorgänger, dem Ex-Gehülfen Wirsich. Dieser lässt seinen letzten Rausch hinter sich und beide zusammen treten einen Weg aus dem Roman an, dessen Spur sich in der Phantasie der Leserin oder des Lesers verlieren darf: 

 

Er nahm seinen Handkoffer vom Boden auf und ging. Und dann verließen die beiden, Marti und Wirsich, den Abendstern. Unten auf der Landstraße angekommen, machte Josph halt [...] und drehte sich noch einmal nach dem Haus um. Er grüßte es in Gedanken, dann gingen sie weiter.

 

Hier bahn sich ein Weg zweier Underdogs ins Leben an, der demjenigen Robert Walsers nicht zu gleichen scheint. Gegen Ende seines Lebens ist es allerdings auch einige innige Begegnung  mit Carl Seelig, die W.G. Sebald folgendermaßen charakterisiert:

 

Daß Robert Walser heute nicht zu den verschollenen Schriftstellern gehört, das verdanken wir in erster Linie der Tatsache, daß Carl Seelig seiner sich angenommen hat.

 

Die Fotos zeigen den Spaziergänger Robert Walser, einen Menschen dessen Leben im Refugium Spuren hinterlassen hat. Andere Bilder zeigen das Gesicht des jungen Walser in seinem Aufbruch. Eine Freundin hat mich auf das Buch "Man kann auch in die Höhe fallen" von Joachim Meyerhoff hingewiesen. Hier gibt es eine Stelle, in der die immer zupackende, vor Energie nur so strotzende  Mutter ihrem Sohn ihre Lebensgeschichte erzählt. Sie erzählt sie zweimal, man kann sie zweimal erzählen. Einmal im Fokus auf die Tragödie einer Scheidung, im Fokus auf viele Schicksalsschläge und harte Durststrecken, man kann sie aber auch im Fokus auf die Kraft der Neuanfänge schildern oder den Ist-Zustand eines am Ende erfüllten Lebens ... im Falle Robert Walsers eines Lebens, dem das Schicksal ein Überleben im Gedenken oder Andenken geschenkt hat.

(c) Stefan Scheffler: Ende des Robert-Walser-Pfades - die Schneefotos sucht man am besten selbst ...

Schnipsel 236: Tröster und Sinnstifter

(c) Stefan Scheffler

Der flächendeckende Empörungssprech unserer Zeit mag als Symptom einer zutiefst belasteten, wunden Zivilisations-Seele gedeutet werden, sodass man leicht nachvollziehen kann, warum so viele Heilsbringer zu allen Lebenslagen in den Regalen der Buchladen-Ketten warten, um die Nachfrage nach Rat und Sinnsuche frohlockend zu bedienen. Es scheint einen großen Markt zu geben. Hier trifft man gottlob auf die Optimisten und - viel spannender - die Exoten, die es geschafft haben, durch Ein- oder Umkehr dem Leben eine lebenswerte Seite abgerungen zu haben, und die uns an dieser positiven Weltsicht teilhaben lassen. Nicht selten erzählen Menschen davon, wie sie eigene Krisen überwunden oder eine große Kehrtwende gemeistert haben. Den aufrichtigen unter ihnen darf man Bewunderung und oftmals auch Dankbarkeit zollen.

Dale Carnegie mag den Reigen eröffnen. Er ist einer der ersten, der bereits Anfang der 1950er Jahren einen Bestseller mit dem Titel "Sorge dich nicht, lebe!" landete. Seine Ausgangsidee ist verblüffend und in ihrer Konsequenz genial. Carnegie wunderte sich, dass in der New Yorker Bibliothek im Register nur wenige Einträge zum Thema Sorgen (worries) zu finden waren, wohingegen das alphabetisch benachbarte Themenstichwort Würmer (worms) über eine Fülle an Abhandungen verfügte - die Alltagserfahrung einem aber doch zeigte, dass viele Menschen eher von Sorgen geplagt, als von einer Begeisterungsfähigkeit für Würmer betroffen seien. Der nächste Schritt ist verblüffend einleuchtend: Dale Carnegie entschloss sich, die Lücke zu schließen und das Thema von Grund aus selbst unter die Lupe zu nehmen, dazu bediente er sich der ebenfalls nur als klug zu bezeichnenden Methode, im zweiten Teil seines Buches schlicht und ergreifend die Interviews abzudrucken, die er mit den Menschen geführt hatte, die ein erfolgreiches Leben zustande gebracht hatten - leider blieb mir von all diesen Beispielen nur noch das von Rockefeller in Erinnerung, der zwar zum reichsten Menschen der Welt wurde, das aber mit einem Magenleiden bezahlen musste und nur noch dünne Suppe löffeln konnte ... 

Jedem dieser Lebensratgeber liegen oftmals eine oder vielleicht zwei wirklich überzeugende Kern-Ideen oder Heureka-Momente zugrunde, an die man sich ein Leben lang erinnern kann. Dale Carnegie wird mir immer mit seiner Schlüsselfrage einen Wegweiser an die Hand gegeben haben, mich in als schwierig wahrgenommenen Lebenslagen zu fragen, was kann denn schlimmstenfalls, wirklich schlimmstenfalls passieren. (Ich hätte ihm auch um meines eigenen Seelenfriedens willen gewünscht, er wäre uralt geworden, aber darum geht es vielleicht nicht unbedingt, wie wir von Marc Aurel gelernt haben.)

Alle scheinen in letzter Zeit die 1%-Methode von James Clear gelesen zu haben, daraus kann ich mich eigentlich nur an zwei nette Episoden erinnern. Ein nicht sehr erfolgreiches Rad-Team einer nicht sehr traditionellen Radfahrer-Nation schaffte es zum Titel, indem ein neuer Coach an allen auch noch so kleinen Stellschrauben jeweils eine, wenn auch zum Teil nur sehr kleine Verbesserung oder Optimierung versuchte. In der Summe zahlte es sich dann aus. Die zweite Idee, der ich etwas abgewinnen konnte, war, nicht so sehr mit guten Vorsätzen zu arbeiten, die am Ende mehr stressen und sich selten aufrecht erhalten lassen, als vielmehr sich den Menschen vorzustellen, der man gerne sein möchte, um sich ein inneres Leitbild zu schaffen, in dessen Richtung es sich lohnt, hinzusteuern ... 

Wirklich atemberaubend war der Ansatz des Bestsellers in den aktuellen Rankings von Mel Robinson "Let Them". Ich weiß nicht mehr ganz wo und warum, aber es gibt eine Schnittmenge zur Haltung meiner Großmutter, die sich oft mit dem schwer zu übersetzenden oberhessischen Riff "Lieass se" zu helfen wusste, wozu mein Opa gelegentlich beitragen konnte: "Lieasss mr mei Rouh!" Sich nicht mehr so verbissen selbst in die Verantwortung zu nehmen, auch das ist eine schöne Mahnung von Mel Robinson - let them, let me!

Wohler fühle ich mich natürlich eher auf dem Feld der Literatur, der ist nicht verboten, zuweilen einmal leichtfüßig aufzutreten und die Leserinnen in Richtung Süd-Süd-West ... kann man hier sagen einzunorden? Robert Frost nahm zum Beispiel den weniger ausgetretenen Pfad, was den großen Unterschied machte, aber auch einen Lebensweg uneingeschlagen ließ: The Road Not Taken, heißt sein berühmtes Gedicht. Diese Idee bringt mich auf die bereits oben erwähnten Zeilen der Mutter in Joachim Meyerhoffs Roman "Man kann auch in die Höhe fallen": "Weißt du [...], ich kann mir mein Leben als zwei unterschiedliche Geschichten erzählen." Es folgt eine Aneinanderreihung von Schicksalsschlägen, von denen einer allein ausgereicht hätte, jemanden aus der Bahn zu werfen. Doch es geht auch anders, hierzu nur der Beginn:

 

So geht die eine Geschichte. Aber die andere Geschichte, mein lieber Sohn, geht so: Nach dem Tod meines Vaters, da war ich acht, da habe ich angefangen zu lesen und bin in die Welt der Bücher verschwunden ...

 

Ich habe mich am Ende gefragt, welche Eigenschaften und Überlebensstrategien Meyerhoffs Mutter besitzt, die sie in diesem Roman so lebenstauglich machen. Alles alte Hüte, bestimmt unvollständig:

Die Fähigkeit des Perspektivwechsels, Tatendrang, Ordnung und Rhythmus, Pragmatismus, Balance zwischen Verdrängung und Aufarbeitung, Dynamik und Bewegungsdrang, Beharrlichkeit, Einklang mit der Natur und Umwelt, die Tugend des Nicht-Verschwendens, genaues Zuhören und bestimmt nicht zuletzt: die Gabe zu lieben, den Moment auszukosten und wenn es an der Zeit ist, die Durchsetzungsfähigkeit, klare Grenzen zu ziehen.

Es gibt so viele weitere Sinnstifter und Felsen in der Brandung, diese Menschen mit breiten Schultern, dem ansteckenden Lachen oder nur der Feinfühligkeit, die richtigen Saiten anzuschlagen, um die Seele zum Klingen oder Farbenleuchten zu bringen. Selbst, wenn man der Lektüre Trivialität vorgeworfen hat und in der Struktur den typischen Selbsterfahrungstrip eines Vertreters der weißen Bonzen-Kaste sehen möchte, ich möchte das kurzweilige Umblättern des kleinen Bändchens von Stephan Schäfer "25 letzte Sommer" nicht missen und freue mich wie Bolle, irgendwann einmal anders aus einem See herauszukommen, als ich hineingestiegen bin. Es liefert wichtige Botschaften.

Die Versöhnung mit dem Schicksal der Demenzerkrankung des Vaters, eigentlich die Versöhnung mit dem Vater in Arno Geigers "Der alte König in seinem Exil" gehört hier hin. Viel wäre zu berichten, zu schreiben - vielleicht an anderer Stelle.

Wenn man der Erinnerung ihren freien Lauf lässt, ist es wie eine Reise zurück, auf der wir hoffentlich einmal mit Hagrid aus "Harry Potter" Freundschaft geschlossen haben oder uns durch viele viele (für mich leider oft quälend langweilige) Seiten Tolkiens ausufernder Ring-Trilogie im wahrsten Sinne gekämpft haben, um dann in schönen Momenten endlich wieder Gandalf oder diesen Wald-Leuten zu begegnen. Je weiter zurück wir gelangen, umso wärmender wird der Moment, wenn zum Beispiel am Ende der Heldenreise von Asterix und Obelix der Barde endlich am Baum gefesselt ist, das Feuer knistert und der Festschmaus ohne schlechtes Gewissen knusprig beginnen kann. Viele lasse ich weg, Herrn Turtur und Pan Tau wird man aus keiner Liste der wohligen Begegnungen streichen können. Für eine Kindheit und Jugend der 70er-Jahre liefern den Soundtrack die Miss Marple oder Winnetou Filme, mit denen ein perfekter verregneter Wochenendtag zur Wonne wurde. Mit Winnetou und Old Shatterhand den Blick schweifen lassen über die Weiten der Prärie Jugoslawiens, so könnte man doch zufrieden in jede Narkose gleiten ...

Am Ende seines Aufsatzes zu Robert Walser klebt W.G. Sebald ein Schwarz-Weiß-Foto im schmalen Hochformat ein, das eine grob-gekörnte Ballon-Fahrt vor wolkigem Himmel abbildet. Seine Worte dazu:

 

Wahrhaft befreit von sich selber sehe ich den Reisenden Robert Walser nur einmal, auf der Ballonfahrt, die er während seiner Berliner Zeit von Bitterfeld, dessen künstliche Lichter damals zu glosen begannen, bis an die Ostseestrand gemacht hat. [...]

Für eine solche lautlose Reise durch die Luft, glaube ich, war Robert Walser geboren. Immer, in all seinen Prosastücken, will er über das schwere Erdenleben hinaus, will sacht und leise entschweben in ein freieres Reich.

 

Bevor sich der Text nun ganz verliert zum Schluss nur der Vollständigkeit halber und um noch einige Loopings zu schließen: Joachim Meyerhoff entlehnt seinen Titel einem Gedicht Hölderlins, das er seinem Roman als Geleit voranstellt:

 

Man kann auch in die Höhe fallen,

so wie in die Tiefe. Das letztere verhindert

der elastische Geist, das erstere die

Schwerkraft, die in nüchternem

Besinnen liegt.

 

Der im Text zu Ian McEwan erwähnte Buchtitel: "Falling Upwards - How we took to the Air" von Richard Holmes zeigt auf dem Cover einen Ballon, zu dem vermutlich Joseph von Eichendorff sagen könnte: "Ach, wer da mitreisen könnte ..."

Schnipsel 237: Begegnung mit Einstein

Mitte und rechts: (c) Stefan Scheffler, links: Informationstafel "Einstein in Bad Nauheim"

Karoline von Günderrode steigt in ihrem Gedicht "Der Luftschiffer" in Regionen auf, in denen die Luft dünn wird.

 

Habe die himmlischen Mächte begrüßt.

War, in ihrer Betrachtung versunken,

Habe den ewigen Äther getrunken,

Habe dem Irdischen ganz mich entwandt,

Droben die Schriften der Sterne erkannt

Und in ihrem Kreisen und Drehen

Bildlich den heiligen Rhythmus gesehen ...

 

Wenn man sich einen aussuchen dürfte, nur einen, dessen Gegenwart man gerne erlebt hätte, wer wäre das? Glücklicherweise muss man diese Frage nicht beantworten, da sie so hypothetisch ist, und gleichzeitig voller möglicher Fehleinschätzungen, dass man sie am besten vergisst oder besser vergisst, dass man sie je gestellt hat. In den Fehleinschätzungen der Größe von Unwahrscheinlichkeiten bin ich groß. Aber wenigstens habe ich zweimal probiert Albert Einstein zu treffen ... In seiner Einstein-Biografie zitiert Jürgen Neffe diesen gleich zu Beginn mit den Worten: 

 

Wenn ich mich frage, woher es kommt, daß gerade ich die Relativitätstheorie gefunden habe, so scheint es an folgendem Umstand zu liegen: Der Erwachsene denkt nicht über Die Raum-Zeit-Probleme nach. Alles, was darüber nachzudenken ist, hat er nach seiner Meinung bereits in seiner frühen Kindheit getan. Ich dagegen habe mich so langsam entwickelt, daß ich anfing, mich über Raum und Zeit zu wundern, als ich bereits erwachsen war. Naturgemäß bin ich dann tiefer in die Problematik eingedrungen als ein gewöhnliches Kind.

 

Beim Lesen Neffes Biografie kann man gelegentlich dem Irrtum aufsitzen, man habe zumindest im Ansatz die Theorien des gekrümmten Raumes, der Wechselverhältnisse von Bewegungen und Anziehungen, Gravitation oder insbesondere das Problem der Fernwirkung begriffen - zu schweigen von den tieferen Zusammenhängen der Relativitätstheorie. Im Nachhinein bin ich froh, dass es ein paar Stellen mit Schuhen, dem Datum des 15. April oder einem Abschied am Anhalter Bahnhof gab und den unglaublichen Hinweisen auf Besuche Charlie Chaplins in der Wohnung Einsteins in der Haberlandstraße, Berlin oder Begegnungen mit Franz Kafka. Irgendwann muss ich auch noch einmal neben den vielen Exhumierungen über geklaute oder verloren gegangene Gehirne nachdenken ... 

Ich kann mich trotzdem an Ideen begeistern, auch wenn ich sie nicht verstehe oder behalten kann. Ich kann mich auch an Ideen begeistern, ohne dass ich hörig an sie glauben muss. Manchmal reicht ein intuitiver Zugang zu einer Vorstellung, die an sich logisch nicht haltbar ist, mir aber rein als Gefühl nachvollziehbar ist oder auf eine seltsame gemeinsame Erfahrung trifft zu derjenigen dessen, der sie als These einmal in die Welt gesetzt hat. Und hier verlasse ich jetzt komplett die Region, die man mit den Begriffen Empirismus oder Wissenschaft umreißen könnte und wende mich genussvoll dem Spuk und Spekulieren zu. Wichtiger als die empirische Beweisbarkeit ist mir, dass ich eine wirklich faszinierende Idee nicht leichtfertig opfern möchte, wenn deren Existenz mein Erleben bereichert. Ein Freund geht davon aus, dass man die Anwesenheit von Menschen, die einmal in einem Haus oder einer Wohnung gelebt haben, seltsamerweise spüren kann. So weit wie die Begeisterung für Geister in Großbritannien reicht, würde er sicherlich nicht gehen, aber seine These ist, dass es einen spürbaren Unterschied gibt, wenn man in ein ehemals bewohntes Haus oder eine Wohnung mit langer Geschichte tritt verglichen mit der Neubausterilität, selbst wenn auch diese Wohnung wohlgemerkt im Renovierungs-Reset auf Null gesetzt wurde. Ohne mich als Esoteriker zu begreifen, meine ich, dass ich diese Erfahrung teile. (Im Eintrag 241 werde ich über Robert Macfarlane schreiben, der auf alten Wegen den unsichtbaren Überbleibseln von Reisenden auf alten Pfaden nachspürt, selbst da, wo die Wege selbst sich aufgelöst haben, zum Beispiel auf hoher See ...) In England zum Beispiel wird ein Gemäuer erst durch einen Geist geadelt und wenn sich ein Mensch einen Spleen gönnt, steigt normalerweise sein Ansehen so wie der Preis eines Hauses, das als "haunted" qualifiziert werden kann.

Uwe Schütte geht in seinem bereits oben erwähnten Essay-Band "Annäherungen" einem Gedanken zu W.G. Sebald nach, den er vielleicht nicht so aufs Papier gebracht hätte, wenn er sich weiter der Forschung im Korsett der Universitäten verpflichtet gesehen hätte, da er einen Wesenszug Sebalds in seiner Tiefe begreift, der einer analytischen Wissenschaft nicht gefallen kann und möglicherweise zum Reflex des Naserümpfens führt. 

Sebald kann dem Spuk, dem Aberglauben, den Erklärungsversuchen von - wie Schütte sie nennt - "Randfiguren und Außenseitern der Wissenschaft" etwas abgewinnen. W.G. Sebald ringt und spielt zugleich mit der Frage nach den Verwobenheiten, den merkwürdigen Zusammenhängen über alle scheinbaren räumlichen und zeitlichen Grenzen hinweg. Zufälle haben Verweis-Charakter und lenken die Aufmerksamkeit auf die Fragestellungen, die relevant sind: Wie hängt das alles zusammen? (Und seine Fragen sind ernst und immer auf der Suche danach, die tiefsten Abgründe unserer Existenz und Geschichte zu verstehen, davon muss an einer anderen Stelle berichtet werden.) All dem Suchen widmet sich Uwe Schütte in seinem Großvater-Kapitel, um dann auf den Namen eines Theoretikers zu kommen, der für Sebald "einen wesentlichen Einflussfaktor darstellt[e]" (und für viele Kritiker als esoterischer Scharlatan eine Art rotes Tuch bedeutet): Rupert Sheldrake und dessen morphische Felder und Resonanzen. (Die verstehe ich ebenso wenig wie die Theorien der echten Physiker ...)

Wie gesagt, bei aller Faszinationskraft dieser Ideen, es bleibt vieles fragwürdig und provokant rätselhaft. Doch auf wieviel Freude des Auskostens intensiver Momente innerhalb der eigenen Lebenszeit würde man verzichten, wenn man sich nicht auf eine Spurensuche begibt, die über die Wahrscheinlichkeit hinausreicht, eine verborgene Tür im Raum zu finden, oder in der Raum-Zeit. Menschen leben im Hang, sich zu vernetzen oder vernetzt zu sehen, auch mit der Vergangenheit und Zukunft, sonst würden sie nicht so viele alte Fotos ihrer Ahnen an Wände oder in Alben kleben. Ich wollte also überprüfen, ob sich das Raum-Zeit-Kontinuum einen Spalt breit öffnet (ähnlich wie in Douglas Adams Roman "Der lange dunkle Fünfuhrtee der Seele"), wenn man sich auf eine Treppe in Bad Nauheim begibt, auf der ein junger Physiker in den 1920er Jahren als Mitglied einer ziemlich großen Wissenschaftlergruppe stand, ohne dass zu dieser Gegenwart jemand hätte ahnen können, was aus diesem Menschen einmal werden sollte. 

Es ist die Treppe des so genannte Sprudelhofes. Anhand eines Fotos auf einer Info-Tafel kann man die mögliche Position ziemlich weit rechts in einer begrenzten Zahl von infrage kommenden Stufen rekonstruieren. Es waren vertraute Menschen um mich herum - auch Herr Schneider - die eher skeptisch auf die Tatsache blickten, insbesondere da ein Bauzaun die Treppe absperrte und sich zudem eine dicke Eisschicht über die Stufen der nicht in Betrieb befindliche Treppe befand. Mit etwas Mut zur Überwindung einer Bau-Hürde - schon Jürgen Neffe schreibt zu Einstein, der sich und seinem Ungehorsam ein Leben lang treu geblieben sei: "Autoritätsdusel ist der größte Feind der Wahrheit" - konnte man über den oberen Bereich einer Mauer klettern und natürlich bricht man sich nicht gleich das Genick, wenn man über Eisschollen balanciert, die nur noch in meiner Erinnerung vorhanden, auf den Fotos schon geschmolzen sind. Und dann passierte etwas, aber dazu gleich.

 

Auch in Berlin gab ich keine Ruhe, da ich auf einem Foto eines Straßen-Ablichters gesehen hatte, dass jemand im heutigen Mietshaus in der Haberlandstraße, das an der Stelle steht, an der das Mietshaus von Einstein stand, ein Laken typisch Berlinerischen Humors über seinen Balkon gehängt hatte. Noch leben wir in einer Gegenwart, wo man solche Bilder überprüfen kann und tatsächlich, das Laken hing. Das Laken gab es, die Spuren von Einstein selbst gab es in Form einer Plexiglas-Informations-Stele, ansonsten keine Spuren von Einstein, Chaplin oder Kafka ...

In Wien wurde wohl bestätigt, so Jürgen Neffe, dass gegen Einsteins Doktrin sich "spukhafte Fernwirkungen" der Theorie der Quantenmechanik nachweisen ließen - verstehen werde ich das sicherlich nicht. Ich verstehe aber das Gedicht von Karoline von Günderrode am Ende, wenn es heißt: 

 

Aber ach! es ziehet mich hernieder,

Nebel überschleiert meinen Blick,

Und der Erde Grenzen seh' ich wieder, 

Wolken treiben mich zurück.

Wehe! Das Gesetz der Schwere

Es behauptet nun sein Recht ...

 

Auf der Treppe war nix. Einstein habe ich aber später doch noch in der Stadt getroffen, aber das ist eine andere Geschichte, die nicht passiert wäre, wenn ... wir uns erst gar nicht auf die Reise gemacht hätten. 

 

P.S.: Ich frage mich tatsächlich, wie sich Sebald hier überhaupt hereingeschlichen hat ...

Schnipsel 238: Tübingen revisited ...

(c) Stefan Scheffler

Eingenordet für die Reise nach Süd-Süd-West wurde ich von meiner Tochter. Es gibt immer viele Gründe, nicht aufzubrechen, sie knackte den Code zum Aufbruch; und damit gilt jetzt nicht mehr die Aussage von vor ziemlich genau 200 Schnipseln, dass ich in meinem Leben nur einmal in Tübingen war. Es gibt viele Reisen, die man nur deswegen unternimmt, weil vor Ort noch ein Weg unvollendet blieb oder ein Aufenthalt nie richtig abgeschlossen wurde. So ging es mir mit Tübingen. Es galt noch eine Spurensuche zu vervollständigen, es hatte mich tatsächlich seit Jahren gejuckt, den Turm noch einmal selbst in Augenschein zu nehmen, um noch einmal selbst zu sehen, ob man Reste des alten "Hölderle isch ed ferrughd gwäh"-Graffitis an ihm findet. Zu dieser typischen Neben-Pfad-Idee habe ich erneut ein angespanntes Verhältnis, da wieder einmal eher die Anekdote oder eine blasse Erinnerung, eine Unerheblichkeit über einer wirklich intensiven Auseinandersetzung mit der Literatur eines Dichters stand. Wie bereits öfter geschrieben, ist dies der große Luxus dieses Formats, dass es völlig belanglos ist und noch nicht einmal zitiergenau sein muss, was mir auf diesen Seiten wichtig ist. Da fühle ich mich der Freiheit W.G. Sebalds sehr nahe, der in vielen Interviews äußerte, dass ihm ein Antrieb für sein literarisches Schreiben das Loslassen von all den Zwängen universitären Schreibens ermöglichte - außer dass ich selbst allerdings nie wie Sebald jemals in der Verpflichtung gewesen wäre, Zweiteres tun zu müssen. Der alte Stachel sitzt trotzdem tief ...

 

Friedrich Hölderlin. Ich habe die meisten Gedichte mit Mühe gelesen. Der Anspruch, mich begeistern zu lassen - der sich wahrscheinlich am ehesten aus der Biographie und einiger unglaublicher Konstellationen um Hölderlin herum ableitet - trifft bis heute auf Widerstände, eine Widerborstigkeit seiner Gedichte mir gegenüber, die sich eigentlich nur in kurzen Momenten auflösen lassen, wenn man an die immer wieder tradierten Stellen gerät, die unser Lektor Mr. Debney purple patches genannt hat. Es sind Riffs, meist die ersten Zeilen, die immer wieder über die Lippen von Professor Glück gingen:

 

Wie wenn am Feiertage, das Feld zu sehn,

Ein Landmann geht ... 

 

(Er zitierte es meist anders.)

 

Nur Einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen!

Und einen Herbst zu reifem Gesange mir ...

 

... oder die letzten wie im Gedicht "Hälfte des Lebens", das die Tragik der Biographie Hölderlins spiegelt, der für die zweite, stille Hälfte seines Lebens zurückgezogen im Turm am Neckar blieb:

 

Weh mir, wo nehm, wenn

Es Winter ist, die Blumen, und wo 

Den Sonnenschein,

Und Schatten der Erde?

Die Mauern stehn

Sprachlos und kalt, im Winde

klirren die Fahnen.

 

So klingt höchstens noch Rilkes "Herbsttag":

 

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.

Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben ...

 

Im Hölderlin-Museum in Tübingen hängt das Blatt eines weiteren Gedichts, dessen erste Zeilen sich an dem Tag unseres Besuchs dort für möglicherweise sehr lang in mein Gedächtnis einbrannten:

 

Ich duld' es nimmer! ewig und ewig so

Die Knabenschritte, wie ein Gekerkerter

Die kurzen vorgemeßnen Schritte

Täglich zu wandeln, ich duld' es nimmer!

 

Der Hinweis unter dem Gedicht, es sei in den Monaten nach dem Ausbruch der Französischen Revolution entstanden. Auf dem Weg nach Tübingen kommt man an einem Graffiti-Haus vorbei, das so laut wie Friedrich Hölderlin in die Welt ruft: "Keine Macht für Niemand". Es ist natürlich hier Rio Reisers Stimme in der Urgewalt des Albums von Ton Steine Scherben. Vor dieser bunten Kulisse verblasst der brave Papierbogen in der Ausstellung im Hölderlin-Museum und im Nachhinein wird mir klar, warum es mich dort nicht lange hielt ...

Es gibt Tübingen zweimal. Meine Fotos der Zuckerbäcker-Kulisse sind schön, das Leben in den geputzten Gassen für die Touristen idyllisch wahrzunehmen, die Menschen ruhig und freundlich. Es ist eine Stadt zum Wohlfühlen und Bleiben. Trotzdem gibt es diesen Kontrast zu einem wütenden, studentischen Stadtbild, das trotz seiner Ungezähmtheit fast untergeht in den geordneten Bahnen der Beschaulichkeit. Die Menschen haben sich mit ihrem Hölderlin-Museum viel Mühe gegeben und dieser Blick auf die renovierte Fassade und die geputzten Parkett-Räume mit ihren geraden Buchstaben der Zitate dokumentiert diese Mühe und Wertschätzung für ihren berühmten Dichter. Gerecht wird es ihm zumindest in meiner Wahrnehmung noch nicht, da der Anstrich zu frisch und möglicherweise auch zu radikal säubernd war. An den Wänden des Turms sieht man kein Graffiti mehr durch und die Fassade wirkt so, als würde an dieser Wand auch kein Farbklecks mehr haften bleiben. Das Turmzimmer Hölderlins bleibt als Animations-Erfahrung durch eine virtuelle Verzauberung möglich - sie war zum Glück außer Betrieb. Mein Aufbegehren gegen diesen Ort zeigte sich erst viele Wochen später, als ich merkte, dass den Bildern, die ich hier zeigen wollte, kein Leben entspringt, außer dass man feststellen kann, wie schön es ist, schön, wenn man blankes Holzpaneel gut findet.

W.G. Sebald stellt in "Die Ringe des Saturn" oder "Austerlitz" immer wieder Räume vor, die die Leserinnen und Leser in diese besondere Atmosphäre seiner Romane ziehen, seine Motive Staub und Asche werden dort zelebriert. Das Arbeitszimmer der Bücherstapel von Austerlitz korrespondiert zum Büro einer verstorbenen Kollegin, dessen Bücher- und Papier-Stapel vom ganzen Haus Besitz zu ergreifen scheinen. Lange musste ich suchen, bis ich die Stelle wiedergefunden hatte, die ausdrückt, wie ein Raum auf einen Menschen wirken kann, wenn man ihm die Seele gelassen hat. Es ist in einem Interview mit Eleanor Wachtel, das "Ghost Hunter" überschrieben ist, in dem folgende Sätze Sebalds fallen:

 

There are some people who feel a sense of discomfort in tidy, well-kept, constantly looked-after houses. And I belong to those people. I've always felt it to be difficult to be in a house where this sort of cold order is maintained, the cold order which was typical of the middle-class salon which would only be opened once or twice a year for certain days [...] By contrast, if I get into a house where the dust has been allowed to settle, I do find that comforting somehow. [...] I visited a publisher in London. He lived in Kensington. He had still some business to attend to when I arrived, and his wife took me up to a sort of library room at the very top of this very tall, very large, terraced house. And the room was all full of books, and there was one chair. And there was dust everywhere; it had settled over many years on all those books, on the carpet, on the windowsill, and only from the door to the chair where you would sit down to read, there was a path, like a path through snow, as it were, you know, worn, where you could see that there wasn't any dust because occasionally somebody walk up to that chair and sit down and read a book. And I have never spent a more peaceful quarter of an hour than sitting in that particular chair. It was that experience that brought home to me that dust has something very, very peaceful about it.

 

Uwe Schütte berichtet, dass Sebalds Wohnung selbst eher "clean" war, wenn ich es recht erinnere, aber Filmausschnitte oder Fotos des Hauses seines Freundes Michael Hamburger zum Beispiel zeigen diesen Geist des von ihm beschriebenen und wohl bewunderten  Wohnens. Wo findet man nun in all dem den Geist von Hölderlin? Es ist ein kleiner Umweg, den man nehmen muss. Es gibt einen Ort in Tübingen, der uns von Beginn an zu sich zu führen schien. Der Zufall war hartnäckig und ließ nicht locker, bis er gefunden und erlebt wurde. Ein Ort mit ungeheurer Seele und Seelenwärme. Bereits am Abend saßen wir eisessend auf einer Treppe in der Wärme eines Sommerabends und hatten den Ort im Blick und vor der Objektivlinse, ohne es zu ahnen. Selbst vom Kirchturm herab fotografierte ich genau dieses Haus unter mir, in das mich bestimmt nicht nur die Tatsache lockte, dass es ein Antiquariat war. Antiquariat und Kunsthandlung J.J. Heckenhauer. Auf einem der Stapel stand der Hinweis für touristisch suchende: "Hölderlin" - natürlich. Heraus zog ich aus einem anderen Stapel allerdings ein Bändchen "Weg nach Innen" von Hermann Hesse, das ist keine Erfindung! Ich öffnete wahllos eine Seite und las in Frakturschrift:

 

Manchmal handeln wir, gehen aus und ein, tun dies und das, und es ist alles leicht und gleichsam unverbindlich, es könnte scheinbar alles auch anders sein. Und manchmal, zu anderen Stunden, könnte nichts anders sein, ist nichts unverbindlich und leicht, und jeder Atemzug, den wir tun, ist von Gewalten bestimmt und schwer von Schicksal.

 

Vier Erzählungen von Hermann Hesse. Auf dem Buchdeckel in Bleistift: Mit Siddharta! Dieser Moment allein hätte mir ausgereicht, den Tag zu feiern. Aus dem "Trip" nach Tübingen wurde eine Reise. Dann sagte eine Studentin, die sich hinter weiteren Stapeln Bücher in einer Nische bemerkbar machte und dort den Laden schmiss: "Wissen Sie, dass das die Buchhandlung ist, in der Hermann Hesse seine Ausbildung gemacht hat?" Nein, wusste ich nicht. Zwar war das Hesse-Separee in seinem wunderschönen Dämmerlicht, in seiner erahnbaren Teppichschwere und seinem nicht inszenierten Durcheinander Sebald'scher Erfindungskraft hinter glasgefächerter Wand und Türe verschlossen, aber dieser Laden hatte die Seele von etwas bewahrt, was die dysfunktionale VR Maschine "außer Betrieb" auch in voller Kraft voraus nicht zu leisten im Stande sein dürfte: Ein Herz zu gewinnen oder zumindest die Begeisterungsfähigkeit auf "on" zu schalten. Das Gespräch, spiegelte dann die Ruhe und Vertrautheit des Moments, in den man sich fallen lassen konnte. Gegenseitiges Interesse, Sätze, aus denen man viel mitnehmen konnte und vielleicht auch Tübingen noch einmal um eine Nuance besser begriff. Am Ende redeten die Jugendlichen, und ich ging noch ein Eis essen und lesen.

Wo findet man Hölderlin? Auf einem Foto, dass ich erst viel später ansah, bemerkte ich, dass der Schaukasten des Antiquariats ein Lieblingszitat Glücks zierte:

 

Was bleibet aber,

stiften die Dichter.

(Friedrich Hölderlin)

 

Schön, dass es noch Orte gibt, die Seelen aufnehmen, die man andernorts ausgetrieben hat. Auf dem Foto ganz oben leuchtet ein Fenster im Hölderlin-Turm ungefähr da, wo auf dem rechten Bild der Motorrad-Scheinwerfer strahlt. Vielleicht war ich mit dem Ort zu kritisch, und des Nachts im Dämmer findet sich doch ein Leben ein.

(c) Stefan Scheffler - ein Foto ist ein Platzhalter für ein "außer Betrieb" Gerät innerhalb eines Museums ... 

Schnipsel 239: Serendipität

(c) Stefan Scheffler

Es gibt Begriffe, die entfalten eine eigene Magie. Man möchte sie besitzen und wundert sich, warum man ihnen nicht viel früher begegnet ist. Leider muss man sich auch manchmal wundern, warum sie sich so widerspenstig verhalten und keine Vertrautheit mit einem eingehen wollen, sodass sie einem zunächst lange Zeit nicht gut über die Lippen gehen. Das geschieht erst mit gutem Gewissen, wenn sie einem wirklich geläufig geworden sind. Ich fürchte, dass mir das mit dem Wort oben nicht gelingen wird, bereits der erste Kontakt ist mir aus der Erinnerung gewichen. Auch die Entscheidung, nach dem Eintrag über den Besuch in Tübingen mit diesem Titel "Serendipität" weiterzumachen, ist mir im Nachhinein schleierhaft. Vielleicht, weil ich Hölderlin gesucht habe, um am Ende nicht nur mit einem alten Hesse-Band nachhause zu fahren ... sondern auch mit der neuen Selbst-Erkenntnis, mit welchen Räumen ich eine Verbindung eingehen kann und mit welchen nicht und dass eine VR-Sicht auf eine vergangene Welt immer besser ist, wenn sie "außer Betrieb" ist, da sie einen so den Weg in die echten Räume mit Staub und Aura ebnet. (Selbst die Aussage aus dem Text 237, dass durch Renovierung auf Null gesetzte Räume Spuren ihrer langen Bewohntheit in sich behalten, dürfte ich nach Tübingen in Zweifel ziehen.) Man kann die langen Abhandlungen über den Begriff, seine Geschichte und seine Definitionen und Voraussetzungen nachlesen, die Tatsache, dass eine neue Erkenntnis, nach der man vielleicht gar nicht suchte, quasi als Beifang hängen bleibt, ist mir einfach nur sympatisch - Voraussetzung ist wohl, dass man alle Fühler auf Bereitschaft hatte und bereits im Aufspür-Modus war, also sich in einem anderen Feld auf einer Mission befand, die aber einen Schatz auf einem Abweg bereithielt, einem Nebenpfad sozusagen mit Bonus-Gold.

W.G. Sebald beschreibt Ähnliches über den Zufall in einem Interview mit Jean-Pierre Rondas "So wie ein Hund einen Löffel findet" mit den Worten: "Man muß den Zufall auch provozieren." Mit dem richtigen Ansatz finde man immer sehr eigenartige Dinge, mit denen man nie gerechnet habe,

 

... die Sie auf eine rationale  Weise nie vorfinden können, das heißt, wenn Sie recherchieren, so wie Sie es an der Universität gelernt haben, immer geradeaus, rechts, links, rechte Winkel und so weiter. Man muß auf eine diffuse Weise recherchieren. Es soll ein Fund sein, also genau wie ein Hund sucht, hin und her, rauf und runter, manchmal langsam und manchmal schnell.

 

Über Sebald kam ich zu Vladimir Nabokov und seinen frühen Roman "Der Späher". Wieder einmal lernte ich einen Begriff kennen, den ich längst hätte kennen können, wenn ich diese Fährte früher zu Studien-Zeiten ernst genommen hätte: Der unzuverlässige Erzähler. Im Anspruch auf Perfektion und Folgerichtigkeit könnte der Betriebsfehler schon von vorne herein angelegt sein. Was, wenn der Große Erzähler - vielleicht erinnert man sich an Jacques den Fatalisten von Denis Diderot - mit Wonne seine Freude an seiner eigenen Unzuverlässigkeit hat und man hieraus eine Würdigung eines eher wuschigen Prinzips des Lebens an sich ableiten könnte? Was wäre wenn? Leider muss ich all diese Ideen im Sande verlaufen lassen, weil ich nicht mehr zurück zum Anfang der ersten Begegnung komme. Es gibt einen Hinweis, dass mir der Begriff im Januar 2024 begegnete - da las ich Georges Simenon, die Verbindung zu diesem hingeworfenen Federstrich ist aber gekappt. Auf dem gleichen Fetzchen Papier findet sich allerdings ein anderes Wort: "Schwarzer Schwan" ... Auch hier kann ich die erste Begegnung rekonstruieren, ich las Gaspard Kœnig "Das Ende des Individuums". (Dieses Lesen war ich dem französischen Philosophen schuldig, nachdem er mich zuvor mir seiner Reise zu Pferd auf Michel de Montaignes Spuren durch halb Europa geführt hatte, aber das ist ein anderes Thema.) 2023 lernte ich mit Kœnigs "Reise eines Philosophen in die Welt der Künstlichen Intelligenz" - wie der Untertitel des Bandes heißt - so viel über die Grundlagen und Grenzen der KI, wie sie mir auch heute noch im Rückblick atemberaubend erscheinen, gerade mit dem Hinweis auf die Tatsache, wie früh man sich auf die Erforschung dieser Digitalrevolution machen konnte und wie intensiv Gaspard Kœnig dies bereits 2021 getan hat. Wie weitreichend die theoretischen Ableitungen einer komplexen Auseinandersetzung mit dem Thema sind, zeigt ein Zitat aus dem Gespräch Kœnigs mit Yuval Noah Harari:

 

Yuval nickt neugierig, aber nicht überrascht. Ja, der freie Wille wird von der Wissenschaft angefochten und von der Technologie weggefegt. Nein, die neue Welt wird nicht liberal sein und die extreme Personalisierung der Produkte mit der Kollektivierung der Entscheidungsprozesse verbinden. Ja, alles wird sich ändern, vom Rechtssystem, das die Idee der Schuld aufgeben muss, bis zur Demokratie, die nicht mehr auf der Mehrheitswahl basieren kann. Nein, wir können uns nicht mehr auf unsere primären Instinkte, unsere voreiligen Urteile, unsere unbewussten Wünsche verlassen.

 

Gedanken aus den Tagen des Laufstalls, nicht der Wiege der KI 2021. In seiner aufrüttelnden Rede "Virtuelle Freunde" kommt Daniel Kehlmann drei Jahre später zu einer ganz ähnlichen Einsicht: 

 

Wenn die Entwicklung in dieser Geschwindigkeit weitergeht, was allerdings unwahrscheinlich ist, weil sie sich wohl eher beschleunigt, kommt etwas auf uns zu, für das wir keinen angemessenen Instinkt haben.

 

"Klara and the Sun" von Kazuo Ishiguro aus dem Jahr 2021, die Stimme aus Dan Browns "Origin" aus dem Jahr 2017 sind frühe Beispiele, wie das Thema in die Literatur fand. Mit Dan Brown jedenfalls war es bei mir angekommen und ich war früh auf der Hut. Das früheste Beispiel habe ich mit Henning Mankells Krimi "Die Brandmauer" (1998) gefunden, in dem der Kommissar damit zu kämpfen hat, dass er der neuen Technologie der Computer sich nicht gewachsen fühlt, ihr aber noch die Kraft der menschlichen Intuition entgegensetzen kann: "Heute kommt es mir so vor, als bekämen Menschen allmählich elektronische Identitäten." Noch siegt Wallanders Intuition (wenigstens in der Phantasie Henning Mankells), doch die Zukunfts-Vision ist bereits in zwei kleinen Sätzen angelegt: Der Saboteur Carter bedient sich für seine grausamen Taten eines Logikprogramms der Harvard Universität, das die schlausten Moves berechnet, um eine größtmögliche Ermittlungs-Verwirrung zu stiften. O-Ton 1998: „Das Programm war unmenschlich in des Wortes bester Bedeutung. Es kannte weder Zweifel noch andere Gefühle, die den Blick trüben und die Richtung unklar machen konnten.“Für eine Berechnung brauchte es aber noch "eine knappe Stunde".

Am Ende seines Buches "Das Ende des Individuums" gelingt Gaspard Kœenig eine Einordnung der Gefahrenlage, die durchaus tröstlich ist - vielleicht aber auch nur ein verzweifeltes Gedankenexperiment, damit wenigstens die theoretische Hoffnung bleibt, dass wir aus dieser Nummer einer weiteren geöffneten Pandora-Büchse halbwegs heil herauskommen. Er spürt ein Paradoxon auf, wonach die Optimierung sich der Perfektionierung widersetze. Ich habe nicht jedes Detail verstanden, aber eine optimierte Welt ist fragil. Erst der Makel, die Wuschigkeit und vielleicht auch Umwegigkeit erzeugen eine Resilienz menschlicher Systeme, eine Stärke, bis in die Tiefenstrukturen belastbar zu sein. Ich weiß nicht, ob ich es so ausdrücken kann, so stelle ich es mir aber vor, da ich die Störanfälligkeit der cleanen Lebensart kenne. Im O-Ton Kœnigs hört sich das klüger an: 

 

Wie könnte eine von der KI regierte Welt ohne derlei Experimente fernab des akademischen Konsenses jemals etwas anderes hervorbringen als die eintönige Wiederholung der gleichen Schlussfolgerungen und der gleichen Irrtümer? [...] Die Evolution der Natur zeigt in grundlegender Art und Weise die Rolle des Zufalls. [...] Wenn das Leben also nicht grundlegend von Zufallsmechanismen bewegt würde, wäre auch nie der Mensch erschienen, um die KI zu erfinden.

 

Wenige Seite zuvor, wird dieser Gedanke vorbereitet mit einem Bild eines wirklich raren Vogels:

 

Solche anormalen, unvorhergesehenen und riskanten Ereignisse sind genau das, was die Natur, die Gesellschaft und das Wissen fortschreiten lässt. Es sind die berühmten "schwarzen Schwäne", die [Nassim] Taleb in einem seiner älteren Bücher beschrieben hat: Zweitausend Jahre lang glaubte die Menschheit, dass alle Schwäne weiß seien, bis die Entdeckung eines einzigen schwarzen Schwanes die vermeintlich unbestreitbare Theorie ruinierte.   Wir müssen uns auf die Lauer nach schwarzen Schwänen in Australien legen ...

 

Vielleicht ist Gaspard Kœnigs Traum einer Gegenbewegung oder europäischen KI-Begegnung  zu optimistisch oder gar vergebens, vielleicht lässt sich auch die Reise durch Europa nicht mehr für jeden auf dem Rücken eines Pferdes meistern und bleibt ein elitärer Spleen eines Intellektuellen. Aber welche Chance haben wir, wenn wir uns nicht in einer allzu geleckten Zukunft verlieren wollen, die so vieles hinter sich lässt, das in den Tiefenstrukturen unser Überleben sichert, da der Erfahrungsschatz älter ist als die Brunnen der Vergangenheit tief. Walter Benjamin dachte am Puls seiner Zeit, als er seinen Aufsatz "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" 1935 im Pariser Exil schrieb. Ich hoffe, dass das, was er Aura nennt, eine Chance hat, zu überleben.

Schnipsel 240: Walk in the right direction ...

(c) Stefan Scheffler / Felix Gärtner

W.G. Sebald und Jacques Derrida teilten eine gemeinsame Leidenschaft, ohne wahrscheinlich jemals zusammen am gleichen Tisch gespielt zu haben. Es gibt ein Bild Sebalds Freundes, des Malers Jan Peter Tripp, das Sebald in seiner Aufsatzsammlung "Logis in einem Landhaus" bespricht, auf dem im Hintergrund in einem Bild im Bild Sebald das Queue führt. Verschachtelungen.

Viel einfacher lässt sich über einen knappen Satz von Ronnie O'Sullivan schreiben, der in einem Interview zu Mark Allans positiver Entwicklung gesagt hat:

 

What you can be doing is going in the right direction.

As long as you're going in the right direction, things can happen.

 

Das ist einer der positivsten Gedanken, die ich kenne. Frameball gelocht.